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Wege aus der Sackgasse für Deutschlands Digitalisierung

von | Sep 14, 2020 | #Digitaletransformation, #Digitalisierung, #Digitalisierungleben, #Digitalisierungsstrategie

Gemessen an seinen Möglichkeiten sei Deutschland ein Digital Failed State, urteilte Journalist Sascha Lobo in seiner SPIEGEL-Kolumne Anfang September. Wer die jüngsten Nachrichten zum Thema liest, könnte ihm womöglich zustimmen: Der Digital Riser Report 2020 des European Center for Digital Competitiveness bescheinigte Deutschland gerade erst einen deutlichen Verlust digitaler Wettbewerbsfähigkeit, während beispielsweise Nachbar Frankreich seit einigen Jahren auf der Überholspur fährt. Und: In einem Sechs-Länder-Vergleich des Softwareunternehmens Citrix belegte Deutschland in Sachen digitaler Bildung und Online-Unterricht gerade erst den letzten Platz.

Zwischen großen Ansprüchen und trister Realität

Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Deutschland sehr wohl ein gutes Stück Digitalisierung beherrscht – zum Beispiel mit einer überwiegend funktionierenden Arbeit im Homeoffice. Doch auch hier wurde deutlich, wo es im Land hapert. Einige Heimarbeiter mussten für größere Onlinenutzung ihr Zuhause verlassen, weil sie dort weder einen ausreichenden Internetanschluss besitzen noch eine vernünftige Mobilfunkqualität. Selbst Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bezeichnete deutsche Mobilfunknetze schon als „total peinlich“. Beim Staat sieht es aber kaum besser aus. Von digitalen Behörden ist das Land weit entfernt. Auf der anderen Seite in der Wirtschaft liegt zwar ebenso viel digitales Potenzial brach, aber die Unternehmen sind mehrheitlich bereits in einer fortgeschrittenen Bewegung Richtung Zukunft. Für eine weltweite Marktführerschaft in der Digitalisierung reicht es aktuell allerdings nur in wenigen Teilbereichen. Global Leader wie die großen US-Unternehmen sind hier nicht in Sicht. Ausgerechnet der einzige eventuelle Kandidat dafür entpuppte sich am Ende als betrügerische Luftnummer.

In offiziellen Digitalisierungszielen der Bundesregierung liest sich das alles ganz anders. Sie wollen seit Jahren vollmundig die Lebensqualität weiter steigern, ökologische und wirtschaftliche Potenziale entfalten und letztlich die Soziale Marktwirtschaft sichern. Die Papiere dazu strotzen von vielversprechenden Schlagwörtern wie DigitalPakt Schule, Berufsbildung 4.0, Future Energy Lab oder Cyber Innovation Hub. Hier finden sich auf dem Papier ein digitales Musterland und ein Bild, das mit der Realität aber leider nur sehr wenig gemein haben. Andere Länder sind viel weiter. Im Baltikum besitzen die Esten einen weitgehend digitalisierten Staat, in dem selbst schon Wahlen sicher via Internet möglich sind. Ähnlich sieht es in Dänemark aus, wo Bürger und Unternehmen über digitale Identitäten laufend mit ihrem Staat kommunizieren. In Asien macht es Taiwan vor, wie sich ein Staat schnell und bürgernah transformieren kann. Andere Länder zeigen außerdem, wie man neue Technologien – Künstliche Intelligenz zum Beispiel – effektiv fördert und zu einem Vorreiter wird. Neben den üblichen Verdächtigen China und USA liegen hier die Kanadier ganz weit vorn. Was kann Deutschland von diesen Beispielen lernen?

Mit Kommunikation und Konzentration zum Digitalerfolg

Man kann andere digital weiterentwickelte Länder nicht einfach kopieren. Ihr Stand kommt oft aus einer ganz anderen Historie. Estland beispielsweise hat sich erst vor rund 30 Jahren neu erfunden und dazu die digitalen Möglichkeiten von Anfang an als Grundstein genutzt. Zugleich haben die Verantwortlichen dabei auf ein Miteinander und Kommunikation mit den Bürgern gesetzt, um diese für die Entwicklung zu gewinnen. Eine ganz ähnliche Strategie nutzte die dänische Regierung, um ihr Volk für den digitalen Wandel zu begeistern. In Deutschland dominiert die andere Richtung: Bedenken. Es wird weniger unter dem Fortschrittsaspekt gedacht, diskutiert und umgesetzt, sondern vielmehr alles zunächst kritisch betrachtet. Speziell Datenschutz und Sicherheit rücken dabei immer wieder in den Mittelpunkt, während die Bevölkerung andererseits ihre persönlichsten Gedanken und intimsten Geheimnisse freiwillig mit US-Unternehmen in Sozialen Netzwerken teilt.

Eine ähnliche Diskrepanz zeigt sich bei Forschung und Wirtschaft. Beide arbeiten hier oftmals nebeneinander und suchen zu selten die Kooperation, um gemeinsam etwas von wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Nutzen zu entwickeln. Dazu motiviert sie auch nur selten eine staatliche Förderung. Diese wird zu oft mit der Gießkanne an möglichst viele verteilt, anstatt sie gezielt auf die vielversprechendsten Projekte zu lenken. Auch gibt es kaum eine langfristige Förderstrategie. Diese orientiert sich eher an Trends und so hat es Deutschland beispielsweise verpasst, die KI-Entwicklung über die Jahre konsequent zu fördern, wie es Kanada trotz temporärer Widrigkeiten durchgehend verfolgt hat, um am Ende an der Spitze zu stehen.

Mehr und bessere Kommunikation, mehr Konsequenz und mehr Fokus: Erfolgreiches Umsteuern ist keine Hexerei, sondern ganz einfach.

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