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Achtung: Digitalisierung allein macht noch keinen Klimaschutz

von | Mrz 17, 2022 | #Digitaletransformation, #Digitalisierung, #Digitalisierungleben, #Digitalisierungsstrategie

Es klang eigentlich immer schon etwas zu schön, um wahr zu sein. Durch die digitale Transformation gelingt der Klimaschutz viel leichter, hieß es lange und oft. Noch Anfang 2021 prognostizierte eine Studie des Branchenverbands Bitkom e.V., dass allein beschleunigte Digitalisierung an die 58 Prozent der im Rahmen der deutschen Klimaziele für 2030 notwendigen CO2-Einsparungen realisieren kann. In Zeiten des Wandels durch die Coronapandemie erschien das auf den ersten Blick nicht einmal unwahrscheinlich. Videokonferenzen statt Inlandsflügen zu Meetings oder Homeoffice anstelle von langen Fahrten zu den Arbeitsplätzen waren zuerst Notlösungen, die sich dann aber immer mehr etablierten. Diese und andere Veränderungen durch Digitalisierung müssen doch positive Effekte auf das Klima haben – oder etwa doch nicht?

Erste größere Studie schaut genauer hin

Die in Zusammenarbeit mit den Beratern von Accenture entstandene Bitkom-Studie ist keineswegs unseriös, bewegt sich in vielen Teilen jedoch nur an der Oberfläche und verfolgt komplexe Systemzusammenhänge kaum. Beispiel: Mehr Videokonferenzen und dadurch weniger Flüge oder Autofahrten ergeben nicht automatisch eine bessere ökologische Bilanz im Bereich Meetings. Denn es gibt überall Rebound-Effekte – Effekte, die die eigentliche Verbesserung durch Technik ganz oder teilweise wieder kompensieren. Mit der Wirkung solcher Rebound-Effekte bei der Digitalisierung im Kontext des Klimaschutzes haben sich nun das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Borderstep Institut intensiv in einer neuen Studie auseinandergesetzt. Hierbei entstanden umfangreiche Detailansichten nicht nur zum Homeoffice, sondern beispielsweise auch zur digitalisierten Produktion von E-Autos. Die Studie zählt zu den ersten ihrer Art, die eine detaillierte, umfangreiche Analyse des Zusammenhangs von Digitalisierung und Klimaschutz zeigen. Im Ergebnis macht sie nun aber auch ein Umdenken erforderlich.

Ein Aber gibt es überall

Bleiben wir bei einem konkreten Beispiel: den Videokonferenzen. Durch sie fallen sicherlich viele Autofahrten weg. Ebenso steigen weniger Menschen für ein Meeting bei der Bahn ein. Die fährt im landesweiten Personenverkehr offiziell mit 100 Prozent Ökostrom, doch die Bezeichnung Ökostrom ist ein Fall für sich. Am Ende fließt immer der nächste verfügbare Strom in den Antrieb der Züge. Die Bahn kauft zwar an die zwei Drittel ihres gesamten Bedarfs an Strom aus erneuerbaren Energien ein, doch für die Deklaration als grüner Strom genügen schon Herkunftsnachweise aus dem Ausland. Deutsche Nachweise für Ökostrom gibt es praktisch kaum, weil hier nahezu alle Betreiber von Solar- oder Windkraftanlagen und anderen erneuerbaren Energien auf die sicherere Finanzierung aus der EEG-Umlage setzen. Am Ende stecken im Strom-Mix der Bahn sogar noch rund 20 Prozent Kohlestrom. Genau wie die Züge der Bahn verkehren die meisten Inlandsflüge nach einer kurzen Coronapause wieder wie gewohnt – unabhängig davon, ob ein paar Passagiere weniger an Bord sind, weil sie nun Videokonferenzen anstatt der Reise zum Meeting nutzen. Unterm Strich verbleibt damit nur noch eine Klimaentlastung im Individualverkehr. Ob sie anhält, ist fraglich. Die Technik für Videokonferenzen gab es schon lange vor Corona. Sie wurde genutzt, aber gleichzeitig stieg dennoch die Zahl der Geschäftsreisen. Eine Rückkehr zu alten Verhaltensmustern erscheint nicht unwahrscheinlich. Zoom und Co. werden auf jeden Fall noch für einige Zeit ihre riesigen Serverkapazitäten vorhalten. Das benötigt wie die gesamte Digitalisierung viel Energie: Allein in Deutschland ist der Energieverbrauch der IT-Infrastruktur zwischen 2010 und 2020 um 75 Prozent angestiegen. Solange solcher Gesamt- und Mehrverbrauch nicht vollständig aus erneuerbaren Energien gespeist werden kann, wirkt Digitalisierung nicht für den Klimaschutz – verstärkt zumindest im Übergang sogar den Verbrauch fossiler Energieträger.

Homeoffice wird kein Gamechanger in Sachen Klimaschutz

Auch über die Coronapandemie hinaus gewinnt Arbeit im Homeoffice offensichtlich an Bedeutung. Positive Effekte für den Klimaschutz entstehen daraus dennoch kaum. Viele private Wege, die sonst vor oder nach der Arbeit erledigt wurden, müssen weiterhin gemacht werden – jetzt mit einzelnen Autofahrten im Laufe des Tages. Die zurückgelegten Strecken wachsen dabei oft noch, wenn die Menschen aus den Städten oder Speckgürteln aufs Land gezogen sind, weil sie an weniger Tagen zum Arbeitsplatz pendeln müssen. Und sie pendeln immer noch: Denn die meisten Homeoffice-Angebote sind dualer Natur. Ein paar Arbeitstage in der Woche dürfen zu Hause geleistet werden, aber genauso sind immer wieder Tage mit Officepräsenz gefragt. So gibt es auch kaum klimaschützende Einsparpotenziale in den Unternehmen. Flächen und Ausstattungen müssen genauso vorgehalten werden wie zuvor. Zuhause im Homeoffice wird parallel mit viel neuer oder zusätzlicher Technik aufgerüstet. Jedes Gerät hinterlässt allein durch Produktion und Transport einen großen CO2-Fußabdruck und der Energiebedarf für die Technik verlagert sich nur aus den Unternehmen in das Zuhause. Digitalisierte Produktionsstätten für diese Technik oder neue E-Autos zur klimafreundlichen Mobilität erreichen bisher ebenfalls nicht die angedachten Energie- und Ressourceneinsparungen.

Damit gelangt die Studie von Borderstep und ZEW am Ende zu einem eindeutigen Ergebnis: Digitalisierung ist kein Automatismus für den Klimaschutz. Sie muss dazu noch sehr gezielt gelenkt werden und braucht zusätzlich eine gesetzliche Steuerung, um zumindest große Teile ihres Potenzials für den Klimaschutz ausspielen zu können.

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