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Deutschland liebt Unternehmertum. Zumindest auf Konferenzen, in politischen Sonntagsreden und auf LinkedIn.
Wir feiern Start-ups, sprechen über Innovation, fordern mehr Risikokapital und veranstalten einen Gründerkongress nach dem anderen. Politiker lassen sich mit jungen Gründern fotografieren, Wirtschaftsförderer präsentieren ihre neuesten Programme und Berater erklären uns, wie die Zukunft funktioniert.
Nur eines kommt mir dabei regelmäßig zu kurz: das tatsächliche Machen.
Wir haben eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt, Unternehmertum zu organisieren, ohne selbst unternehmerisch handeln zu müssen.
Eine ganze Industrie lebt davon, dass andere gründen sollen
Es gibt Fördermittelberater, Innovationsmanager, Transformationsbeauftragte, Gründungscoaches, Netzwerkkoordinatoren und unzählige weitere Akteure im deutschen Start-up-Ökosystem.
Viele leisten hervorragende Arbeit. Andere beschäftigen sich vor allem damit, Veranstaltungen zu organisieren, Konzepte zu schreiben und ihre eigene Existenzberechtigung zu dokumentieren.
Manchmal frage ich mich, ob in Deutschland nicht längst mehr Menschen vom Thema Gründen leben als tatsächlich vom Gründen selbst.
Das ist natürlich überspitzt. Aber die Frage dahinter ist ernst gemeint.
Wie viel unserer Ressourcen fließt in tatsächliche Wertschöpfung und wie viel in die Verwaltung der Voraussetzungen dafür?
Wir haben Verantwortung durch Zuständigkeit ersetzt
Unternehmer treffen Entscheidungen, obwohl sie nicht alle Antworten kennen.
Sie investieren Geld, ohne eine Erfolgsgarantie zu bekommen. Sie stellen Menschen ein, entwickeln Produkte, verlieren Kunden, machen Fehler und müssen am Ende trotzdem ihre Rechnungen bezahlen.
In vielen Institutionen funktioniert das anders.
Dort wird zunächst geprüft, abgestimmt, dokumentiert, weitergeleitet und gegebenenfalls eine Arbeitsgruppe eingerichtet.
Niemand möchte eine falsche Entscheidung treffen. Also trifft man lieber gar keine.
Das Problem ist nur: Auch Nichtentscheiden hat wirtschaftliche Konsequenzen.
Und die sind manchmal erheblich teurer als eine mutige Fehlentscheidung.
Das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck. Im Startup Report 2025 des Digitalverbands Bitkom bezeichneten 63 Prozent der befragten Start-ups Bürokratie als Herausforderung. 61 Prozent nannten Vertrieb und Kundengewinnung, 52 Prozent die Finanzierung.
Diese Zahlen zeigen, worum es eigentlich gehen sollte: Unternehmen müssen Kunden gewinnen, Finanzierung sichern und wachsen können. Stattdessen binden wir wertvolle unternehmerische Energie in administrativen Prozessen.
Nicht jede gute Idee braucht eine Förderung
Ich bin selbst im Umfeld von Start-ups, Inkubatoren und Accelerator-Programmen aktiv. Ich kenne den Wert guter Förderung und weiß, wie wichtig funktionierende Infrastruktur für junge Unternehmen sein kann.
Gerade deshalb halte ich es für notwendig, die eigene Branche kritisch zu betrachten.
Förderprogramme dürfen kein Selbstzweck werden. Ihr Erfolg sollte sich nicht allein daran messen, wie viele Workshops stattgefunden haben, wie viele Teilnehmer betreut oder wie viele Fördermittel abgerufen wurden.
Entscheidend ist doch, was anschließend entsteht.
Gibt es funktionierende Geschäftsmodelle? Werden Kunden gewonnen? Entstehen wirtschaftlich tragfähige Unternehmen? Wird privates Kapital mobilisiert?
Und vor allem: Können diese Unternehmen irgendwann ohne permanente Förderung bestehen?
Wenn nicht, sollten wir uns fragen, ob wir tatsächlich Unternehmertum fördern oder lediglich Beschäftigung rund um das Unternehmertum schaffen.
Öffentliche Förderung kann wichtige Impulse setzen, gerade dort, wo Märkte noch nicht funktionieren oder gesellschaftlich relevante Innovationen entstehen sollen. Aber sie muss Perspektiven auf wirtschaftliche Eigenständigkeit eröffnen, statt dauerhafte Abhängigkeiten zu organisieren.
Wir brauchen weniger Applaus und mehr unternehmerische Konsequenz
Nicht jede Gründung ist eine Erfolgsgeschichte. Nicht jede Innovation verdient eine Finanzierung. Und nicht jeder, der sich Gründer nennt, ist bereits Unternehmer.
Das klingt unfreundlich, ist aber keineswegs abwertend gemeint.
Unternehmertum beginnt für mich dort, wo jemand bereit ist, Verantwortung für die wirtschaftlichen Konsequenzen seiner Entscheidungen zu übernehmen.
Dazu gehört auch, eine Idee aufzugeben, wenn der Markt sie nicht braucht. Ein Geschäftsmodell grundlegend zu verändern. Sich von liebgewonnenen Vorstellungen zu verabschieden.
Wir sollten aufhören, jeden Versuch automatisch zum Erfolg zu erklären.
Scheitern darf sein. Aber aus Scheitern muss man lernen dürfen, ohne es anschließend als Erfolg umzudeuten.
Ein Unternehmen ist schließlich kein Erfolg, nur weil es gegründet wurde. Und eine Finanzierungsrunde ist noch lange kein Geschäftsmodell.
Vielleicht müssen wir einfach wieder mehr Unternehmer sein
Deutschland verfügt über enormes Know-how, Kapital, technologische Kompetenz und erfahrene Unternehmerpersönlichkeiten.
Und es wird weiterhin gegründet. Laut KfW-Gründungsmonitor 2026 wagten im vergangenen Jahr rund 690.000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit. Allerdings entfielen etwa 70 Prozent dieser Gründungen auf den Nebenerwerb.
Das ist keineswegs schlecht. Aber es zeigt auch, dass wir genauer hinschauen müssen, wenn wir über Gründungsdynamik und unternehmerische Zukunft sprechen.
Entscheidend ist nicht allein, wie viele Menschen ein Gewerbe anmelden. Entscheidend ist, welche Unternehmen daraus entstehen, wie sie wachsen und welchen wirtschaftlichen Wert sie langfristig schaffen.
Was mir zunehmend fehlt, ist eine Kultur, in der Entscheidungen schneller getroffen, Verantwortung klarer übernommen und Ergebnisse konsequenter eingefordert werden.
Das gilt für die Politik, die Verwaltung, die Förderlandschaft und übrigens auch für viele Unternehmen selbst.
Ich nehme mich und meine eigenen unternehmerischen Aktivitäten davon ausdrücklich nicht aus.
Denn wer Unternehmertum fordert, muss sich auch selbst daran messen lassen.
Wir brauchen nicht noch mehr Menschen, die erklären, warum Unternehmertum wichtig ist.
Wir brauchen mehr Menschen, die unternehmerisch handeln.
Und vielleicht sollten wir anfangen, genau das wieder stärker zu belohnen.

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